Das eine Mal, als der Weihnachtsmann in meinem Wohnzimmer saß

Über angenehme Weihnachten und Vögel mit fünf Flügeln

Weihnachten. Endlich. Darauf habe ich 362 Tage gewartet. Die nächsten drei Tage verbringe ich mit meiner Familie, meinen Freunden und einem dicken, bärtigen Kerl im roten Mantel und Rauschebart. Vor dem Haus parkt sein aufgemotzter Schlitten mit Bio-Rentier-Antrieb, neben dem unechten gasbetriebenen Kamin versperrt ein großer Jutesack voller Geschenke das halbe Wohnzimmer. Er hat sich als Weihnachtsmann vorgestellt. Kein Nachname. Einfach nur Weihnachtsmann. Unser neuer Freund Weihnachtsmann hat den Vogel mitgebracht, den wir gerade gegessen haben. Während sein Bio-Rentier-Antrieb gemütlich meine Hecke anknabbert, drehe ich die Heizung runter. Verdammt warm heute. Hoffentlich schmilzt der Matschmann im Garten nicht.

Ente mit Klößen

Ich sitze gemütlich in meinem Ohrensessel, verarbeite ein mächtiges Stück Ente mit Klößen und Rotkohl und warte darauf, dass es Zeit wird für Kaffee und Kuchen. Der Weihnachtsmann isst immer noch. Wird der eigentlich nie fertig? Ich mein, irgendwann muss der doch mal los und Geschenke verteilen. Ich schaue auf die Uhr. Halb zwei. Was macht der eigentlich schon hier? Sonst kommt der doch erst am Abend. Santa genehmigt sich einen weiteren Entenflügel, in seinem Bart versickert ein wenig Bratensauce. Nebenbei diskutiert er angeregt mit meinem Onkel über Fußball und Rasenpflege.

Hier stimmt was nicht

Der Weihnachtsmann sitzt in meinem Wohnzimmer. Außerdem stimmt was mit dem Essen nicht. Ich hatte einen Flügel, mein Vater hatte einen. Ebenso mein Großvater. Der Weihnachtsmann nagt gerade an seinem zweiten Flügel. Wie viele Flügel hat dieser verdammte Vogel? Nehme mir vor, umgehend den Magen aufzuräumen und schenke mir einen Whisky zur Beruhigung ein. Der Single Malt macht sich gut im Glas, hätte aber vielleicht doch kein ganzes Weizenglas nehmen sollen.

Es ist Weihnachten

Am Tisch lässt der Weihnachtsmann einen leichten Rülpser ziehen, der Bart weht sacht im Wind. Mein 15 Jahre alter Bonsai auf der Fensterbank neben ihm fiept kurz erschrocken auf und haucht dann endgültig sein Leben aus. Das letzte Blatt fällt mit einem satten, dumpfen Ton. Der Weihnachtsmann lädt sich noch einen weiteren Kloß auf den Teller. Ich schaue auf die Uhr. 13:33 Uhr. Stelle mir erneut leise die Frage: Was macht der eigentlich schon hier? Bringt so nichts. Ich stelle sie laut.

Ich: „Hey, Weihnachtsmann. Was machst du eigentlich schon hier?“
Weihnachtsmann: „Du hast mich damals zum Essen eingeladen.“
Ich: „Watt?“
Weihnachtsmann: „Ist jetzt ungefähr 22 Jahre her. Draußen hat es geschneit und gestürmt, da hast du mich eingeladen. Ich hatte allerdings keine Zeit, du verstehst – und wir haben das verschoben.“
Ich: „Verstehe. Nächste Frage: Wieso hat der Vogel fünf Flügel?“
Weihnachtsmann: „Das geht dich gar nichts an.“

Schön, ist das auch geklärt. Es geht doch nichts über klare Verhältnisse. Während der Weihnachtsmann einen weiteren Kloß mit einem tüchtigen Schuss Sauce ertränkt, zerkauen seine Rentiere draußen im Garten meine schön gepflegte Hecke. 13:37 Uhr.

Ich: „Weihnachtsmann, wenn du schon hier bist – wie sieht das eigentlich aus. Bringst du auch Geschenke mit?“
Weihnachtsmann: „Wenn du nicht bald die Klappe dicht machst, dann verpasse ich dir ein Geschenk aufs Auge.“

Die einzig richtige Erwiderung darauf wäre eine stramme Erziehungsschelle. Aber dann gibt es heute wirklich keine Geschenke. Scheiße. Ich lasse mich von einem alten Penner mit Bart und einer Rentier-Herde erpressen. 13:45 Uhr.

Wie ist der überhaupt hier hereingekommen? Wir haben gar keinen richtigen Kamin. Und wie kommt der hier wieder heraus? Der verdrückt gerade seine vierte Portion Ente. Wenn das so weitergeht, dann müssen wir die Tür erweitern. Ob ich dann wohl meine Kaution wiedersehe?

Ich bin zufrieden

Ganz egal. Ich lehne mich zurück, trinke noch einen Schluck aus meinem Glas und lasse den Whisky über die Zunge rollen. Auch wenn der Weihnachtsmann gerade einen Vogel mit fünf Flügeln in meinem Wohnzimmer verspeist, seine Rentiere meinen gesamten Garten aufessen und draußen bei fast schon tropischen Temperaturen von 20 Grad die ersten Osterglocken blühen – ich bin zufrieden. Denn es ist Weihnachten.

Frohe Festtage!

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.