Dresden ´45 – oder anders: Mein Schreibtisch

Aufräumen zwecklos

Kennen Sie die Aufnahmen aus Dresden, kurz nach dem zweiten Weltkrieg? Erinnern Sie sich an diese pure Zerstörung, die sich auf den Schwarz/Weiß-Aufnahmen zeigt? Nur noch Ruinen zeugen von Häusern, in denen ganze Familien wohnten. Fabriken, in denen die tollsten Waren hergestellt wurden. Eine Stadt, ehemals voller Leben. Komplett in Trümmern versunken, ein völliges Chaos. Das sind Bilder, die vergisst man nicht. Haben Sie es vor Augen? Wie die Bomben der Alliierten zu Hunderten durch Dächer schlagen, Straßen aufreißen und Wände einstürzen lassen? Ungefähr so sieht mein Schreibtisch aus. Ehrlich gesagt ist es ein Wunder, dass ich mich darauf noch nicht verlaufen habe.

Ich mag die Ordnung lieber, deshalb räume ich auch mehrmals in der Woche alle Dokumente, Kabel, Gläser, Speichermedien und potenzielle Waffen säuberlich weg. Meine Arbeitsfläche misst etwa 1x2m, genug Platz für ein strukturiertes System ist also vorhanden. Habe ich erst einmal alles wieder an den ursprünglichen Platz geschafft, dann dauert es keine zwei Tage und die Ordnung steht Kopf. Praktisch über Nacht explodiert auf meinem Schreibtisch eine Bombe; gefüllt mit Unmengen von Briefen, Ladekabeln, Notizen, Flaschen und Kekspackungen. Ganz ehrlich: Ich gebe die Hoffnung langsam auf, aufräumen ist hier zwecklos.

Die gefundenen Sachen sind manches Mal recht kurios. Beispiel gefällig? Kommt sofort. In diesem Moment lasse ich den Blick schweifen. Rechts hinter der nicht funktionierenden Schreibtischlampe liegt eine Feldflasche. Nie genutzt, sieht aus wie neu. Ich habe keine Ahnung, wo ich sie herhabe. Daneben befindet sich ein Karton mit Ersatzrädern für meinen Bürostuhl. Ja, so etwas gibt es. Die Rollen sind angeblich besser auf Parkett zu benutzen, ich weiß es nicht. Ich schleppe sie aber schon seit drei Umzügen mit mir herum und nehme mir ständig vor, die Bereifung an meinem Stuhl zu wechseln. Doch dieser Tag ist nicht heute.

Das mit dem Reifen wechseln, das ist ähnlich wie die Sache mit meinem Antennen-Kabel. Seit Ostern wohne ich hier und ich habe es bis heute nicht geschafft, den Fernseher richtig anzuschließen. Das dafür gebrauchte Kabel ist vorhanden, der Fernseher steht an seinem Platz und der Anschluss wartet nur darauf, endlich genutzt zu werden. Allerdings steht ein massiver Schrank vor der Buchse. Bisher lief im TV sowieso nichts, wofür sich der Aufwand gelohnt hätte. Aber das ist ein anderes Thema. Zurück nach Dresden, zurück zum Schreibtisch.

Ich zähle durch: Eine Kaffeetasse, ein Glas, drei Flaschen, zwei Thermobecher für unterwegs, eine Feldflasche, ein Xbox-Controller, drei funktionierende Uhren, eine kaputte Uhr, zwei Taschenlampen, zwei Ladekabel für das Handy und den tolino, ein Kabel für das iPad, ein Kabel bei dem ich mir ziemlich sicher bin, dass ich nicht weiß wofür es gebraucht wird und vier nicht richtig markierende Textmarker. An diesem Punkt höre ich auf – das bringt alles nichts. Die Miniatur von Dresden ´45 auf meinem Schreibtisch verursacht mir ein ungutes Gefühl. Besser, ich räume auf. Aber bringt das was…?

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.