Feldversuch: Kreatives Arbeiten unter Zeitdruck

Witzige Titel sind gerade ausverkauft

Sebastian Lindschulte. Manchmal wird die Zeit knapp. Ich merke es heute wieder: Die Aufträge stapeln sich und irgendwie muss trotzdem alles bis zur gesetzten Deadline fertig sein. Normalerweise habe ich alles zeitig komplett, Fristen werden von mir bei wichtigen Angelegenheiten selten bis nie überschritten. Ich habe gelogen. Heute ist es nicht ganz so drängend. Eigentlich stapelt sich gar nicht so viel bei mir. Trotzdem oder gerade deshalb wage ich heute ein kleines Experiment. „Kann ich unter Zeitdruck kreativ arbeiten?“ Mit der Kreativität ist das ja so eine Sache. Manchmal will sie, manchmal will ich, manchmal will sie nicht und ich wohl und manchmal wollen wir beide nicht. Unter verschärften Bedingungen passiert es schnell, dass man gar nichts zu Papier bringt. Puff. Ende. Schreibblockade.

Um den nötigen Zeitdruck zu erschaffen, stelle ich eine Eieruhr an den Arbeitsplatz. Ich habe 20 Minuten für die aktuelle Kolumne. Nicht mehr, aber wohl weniger. In zwanzig Minuten kann man viel schaffen. Allerdings muss ich erst aufs Klo. Mist – aber die Uhr tickt. Sie tickt laut. Ich öffne ein neues Word-Dokument und tippe, was ich plane. Alles, was Sie bis jetzt gelesen haben, das schreibe ich nieder. Ich begehe einen Fehler: Die Überschrift zuerst. Das geht nicht. Da verliere ich Zeit. Überschriften sind echt nicht mein Ding. Mein Handy blinkt. Nicht noch eine Ablenkung. Kann doch nicht angehen, wie soll ich denn so etwas schaffen? Die Uhr tickt. Aufs Klo muss ich auch immer noch. Neben mir liegt eine Ausgabe von „Asterix bei den Schweizern“. Ich liebe diese Comics. Wer hat die da hingelegt? Großer Gott, was geht in meinem Kopf vor. Fokussieren, Sebastian. Fokussieren. Die Uhr tickt und du hast nur noch 15 Minuten. Ob ich wohl einen Comic in 15 Minuten lesen kann? Asterix-Hefte haben immer 48 Seiten, wenn ich mich nicht irre. Das sind dann etwas über drei Seiten pro Minute. Stimmt das? Ich bin wirklich miserabel in Mathematik – deshalb schreibe ich ja auch.

Noch zehn Minuten. Habe fünf Minuten mit der Recherche nach dem Seitenumfang eines Asterix-Heftes verbracht. Bin nicht fündig geworden. Aber dafür weiß ich jetzt, wie man Backfisch richtig zubereitet. Die Uhr tickt weiter. Kann die mal aufhören? Das ticken lenkt gewaltig ab. Ich lese mir noch einmal alles durch. Noch einmal. Sieben Minuten noch. Ich hänge ein weiteres Mal dran. Sieht eigentlich gar nicht so schlecht aus. Sechs Minuten. Wenn ich jetzt noch ein Thema finden würde, dann würde diese ganze Kolumne sogar einen Sinn ergeben. Zur Abwechslung mal. Ich muss noch immer aufs Klo. Ob ich nicht einfach jetzt eben…? Vier Minuten. Die Uhr tickt. Das Telefon klingelt.

Anrufer: „Hallo, Herr Lindschulte. Ihre Heckenschere ist da!“
Ich: „Ich habe keine Hecke.“
Anrufer: „Aber Sie haben eine Heckenschere bestellt.“
Ich: „DAZU HABE ICH KEINE ZEIT, RUFEN SIE GLEICH NOCHMAL AN!“

Klick.

Ich lege auf. Also wirklich. Heckenschere? Ein letztes Mal lese ich mir das Geschriebene durch. Es gefällt. Ein Glück. Test bestanden, Note fünf. Es klingelt. Also die Uhr. Sie klingelt. 20 Minuten sind um. Gott sei Dank. ICH MUSS AUFS KLO! Aber das Telefon klingelt…

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.