Mein Neffe schlägt mich im Jenga

Kinder sind die besseren Spieler

„Aller Anfang ist schwer.“ Ich habe keinen blassen Schimmer, von wem dieser Satz kommt. Eins weiß ich jedoch: Würde mir jemand diese Aussage zur Unterschrift vorlegen, ich würde direkt und anstandslos meine drei Kreuze darunter setzen. Der Anfang ist immer das schwierigste. Ich sitze bei bestem Wetter auf der Terrasse, der Garten liegt vor mir und alles ist irgendwie entspannt – nur die Kolumne brennt mir unter den Nägeln. Der Rasen müsste eigentlich gemäht werden. Aber heute ist Abgabe. Erinnert mich irgendwie an die Schulzeit.

Als Thema für die heutige Kolumne habe ich mich für den letzten Familienurlaub entschieden. Eine an sich simple Sache. Meine Familie ist sehr groß, es gibt viele verschiedene Interessen – da fährt man nicht oft gemeinsam in den Urlaub. Dieses Jahr ist das anders. Zum 30. Hochzeitstag haben meine Eltern ein großes Ferienhaus gemietet und mich, meine Geschwister und Partner für eine Woche eingeladen – was ein Trubel! An sich ist die ganze Sache eine wirklich gute Idee. Wir verbringen ein paar schöne Tage zusammen, entspannen vom allzu harten Alltag und genießen die Zeit. Allerdings sind die Kinder meines Bruders drei niedliche kleine Kobolde. Passt man einmal nicht auf, dann liegt kurz darauf das ganze Haus in Schutt und Asche – und man kann den Dreien nicht einmal böse sein.

Dem ein oder anderen sagt sicherlich das Spiel „Jenga“ noch etwas. Holzblöcke werden in Dreierreihen übereinander gestapelt, der Reihe nach versuchen die Mitspieler dann diese Blöcke zu entfernen und oben auf den Turm zu legen – was die ganze Konstruktion stark ins Wanken bringt. Fällt der Turm, dann ist das Spiel vorbei. Für einen Sieg muss man ein gutes Auge und Fingerspitzengefühl haben. Langsam zieht oder schiebt man den gewählten Block aus dem Turm heraus. Zu jeder Zeit ein Auge auf dem Gesamtbild und immer darauf bedacht, bloß keine hastigen Bewegungen zu machen. Die Spitze wackelt? Bloß die Finger weg. Die Hand krampft? Bloß die Finger weg. Der Sitznachbar redet laut und unterstreicht seine Sätze mit weit ausholenden Gesten? „LASS DIE FLOSSEN BEI DIR. ICH MUSS MICH KONZENTRIEREN, MAN!“ Mein Bruder ist sichtlich erschrocken. Zugegeben, ich war in diesem Spiel nie wirklich gut. Aber kurzzeitiger Ehrgeiz zeichnet mich aus. Nach nur vier oder fünf gespielten Runden landen die Blöcke meist zurück im Karton. Heute nicht.

Mein zweijähriger Neffe ist von den fallenden Blöcken fasziniert. Dass er direkt ins Spiel einsteigen will ist klar – wieso auch nicht, wir sind ja im Urlaub. Gibt es halt was zu lachen. Haben wir gedacht. Um ihm das Spiel zu erleichtern, klopfen wir die Spielsteine vorsichtig ab und testen, welche er ohne große Gefahr heraus ziehen kann. Der Junge schlägt jedoch alle Hinweise und Warnungen in den Wind und greift sich, ohne auch nur ein zweites Mal hinzusehen, den erstbesten Stein und zieht als gäbe es kein Morgen – alle Mitspieler am Tisch schreien auf. Der Turm steht. Aber wie eine Eins. Da wackelt nichts, da bebt nichts. Muss ein Glückstreffer gewesen sein. Mein Neffe wiederholt die gleiche Leistung jedoch souverän in mehreren aufeinanderfolgenden Runden und macht uns alle nass. Wie schafft der das?

Ich weiß bis heute nicht, ob er verstanden hat, dass es darum geht den Turm möglichst hoch zu bauen… Grübeln bringt nichts. Die Blöcke werden vorerst auf unbestimmte Zeit zurück in den Schrank verbannt. Ich mähe jetzt lieber den Rasen.

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.