Mein Tag als Pilz

Über Karneval, Verkleidungen und Spaß

Sebastian Lindschulte. Im November beginnt die fünfte Jahreszeit – ihren Höhepunkt findet sie dann im Februar: Karneval. Grund genug für eine ganze Menge von verrückten Menschen im Piratenkostüm oder Superheldenanzug zur Arbeit zu erscheinen. In Kindergärten, Schulen und auf Partys gibt es Kostümwettbewerbe – und in den Zeiten von Internet und Online-Shopping wird das Angebot immer bunter und schriller: An Verkleidungen aller Art mangelt es nicht, mit einem Mausklick landet das passende Stück im Einkaufswagen und ist im nächsten Schritt bereits per Paket unterwegs. Man muss sich nicht einmal mehr aus dem Haus bewegen. Ein Hoch auf die Zivilisation!

Karneval ist eigentlich ganz ok…

An sich finde ich Karneval echt klasse. Fantasievoll verkleiden, gemeinsam Spaß haben und das auch noch mit Absegnung der Gesellschaft? Wahnsinn! Was immer geht, das sind Super- und Kindheitshelden. Jeder von uns hat irgendwann in seinem Leben eine Figur aus einer beliebten Buchreihe, einer Comicserie oder einem Videospiel gehabt, die er (oder natürlich auch sie) gerne einmal verkörpern möchte.

… wenn da nicht diese Übertreiber wären.

Dann gibt es aber auch noch die Art von Mensch, die es Jahr für Jahr vollkommen übertreibt: Die „richtigen“ Karnevalisten. Das sind diese Leute, die darauf stehen sich Uniformen anzuziehen, komische Hüte tragen und sich dazu mit allerlei Kettengeschmeiß behängen. Dann stellen sie sich auf Bühnen und halten geistreiche Reden auf irgendwelchen Sitzungen  vor Leuten, die darauf stehen sich Uniformen anzuziehen, komische Hüte tragen und sich dazu mit allerlei Kettengeschmeiß behängen. Bah.

Das Schöne am Karneval: Verkleidungen

Reden wir lieber über den schönen Teil des deutschen Karnevals: Verkleidungen. Ich kann mich noch ziemlich gut an mein erstes Kostüm erinnern. Für eine richtige Erinnerung war ich zu diesem Zeitpunkt zwar zu jung, meine Eltern waren allerdings klug: Sie haben die ganze Aktion schön per Kamera dokumentiert. Wirklich klasse. So kann ich diesen Moment wieder und wieder und wieder erleben. Meine Eltern waren schon damals furchtbar schlimme Paparazzi. Ich frage mich heute noch, was ich als winziger Knirps verbrochen haben muss, um diese grausame Bestrafung verdient zu haben. Meine Eltern haben mich in ganz jungen Jahren als Pilz verkleidet. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nicht als kühles Pils im Glas mit einer ordentlichen Krone. Oder als niedlicher Toad aus dem Mario-Universum. Nein, ganz bösartig: Als Fliegenpilz. Und niemand mag Fliegenpilze. Die sind nicht umsonst giftig. In Sibirien werden die sogar als Drogen genutzt. Wer steht bitte morgens auf und denkt sich: „Hey, verkleiden wir unseren zweijährigen Sohn doch dieses Jahr als Fliegenpilz!“ Ernsthaft, Eltern?

Nie wieder Pilze!

Es ist jetzt nicht so, dass ich als gerade zwei Jahre alter Knabe versucht habe, die Kronjuwelen des britischen Königshauses zu stehlen oder einen Krieg zwischen Deutschland und dem Kongo verursacht habe – wahrscheinlich habe ich einfach nur meinen Teller nicht komplett leer gegessen oder es versäumt in der Nacht durch zu schlafen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in diesem entscheidenden Moment war, dass ich mich entschlossen habe, nie wieder Pilze zu essen.

Ich regle das zukünftig selbst

Danach nahm ich die Auswahl meiner Verkleidungen von Jahr zu Jahr mehr in die eigene Hand – nie mehr Pilz, so die Devise!

Ritter, Mittelalter und Drachen waren meine Welt. Als Ritter in einer coolen Rüstung, Schild und Schwert dabei – super. Mit Cowboy und Indianer habe ich es auch einmal versucht, das war dann aber gar nicht mein Fall. Kautabak, Bohnen und Pferde waren schlicht nicht meine Welt. Für Whisky konnte ich mich aber auch schon in diesem Alter begeistern. Davon haben wir allerdings keine Bilder. Star Wars war natürlich immer ein Thema, die Möglichkeiten waren jedoch immer stark begrenzt. Laserschwerter in Kinderhänden sind einfach nicht zu empfehlen.

Papa fühlt sich schuldig

Irgendwann im Grundschulalter probierte ich dann mal ein anderes, neues Kostüm aus: Professor Doktor Opeh Hackebeil. Im weißen Kittel, eine große Brille auf der Nase, das Stethoskop lässig um den Hals geschwungen und in der Hand ein Hackebeil. Das Namensschild auf der Brust komplettiert die Verkleidung und informiert mein Gegenüber direkt über meine errungenen akademischen Titel, meinen Namen und gibt gleichzeitig einen dezenten Hinweis auf mein liebstes OP-Besteck. Ursprünglich stammt die Idee von meinem Vater. Ich vermute er hat sich noch immer schuldig gefühlt für die Sache mit dem Pilz…

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.