Messer, Schere, Feuer, Licht…

Natürliche Auslese nach Darwin

Die gute Sache am Kolumnistendasein ist, dass man alltägliche Erlebnisse einfach wunderbar in kleine Geschichten umformen kann. Dazu benötigt man nur ein gutes Gedächtnis und ein wenig Kreativität. Ist man wie ich eher der vergessliche Typ, dann tut es allerdings auch ein handelsübliches Notizbuch und eine ganz große Portion Fantasie. Dass die erzählten Geschichten in der Regel hier und da ein wenig ausgeschmückt und die Wahrheit für die Komik leicht gedehnt und übertrieben wird, das sollte jedem klar sein. Die heutige Kolumne ist allerdings in keinster Weise verdreht oder übertrieben, Ähnlichkeiten mit realen Personen sind dafür aber ausdrücklich gewollt. Namen wiederum werden geändert. Falls die Protagonistin der folgenden Zeilen mitliest, dann bitte ich um Verzeihung: Die Story ist einfach urkomisch.

Im Grunde ist es ganz simpel. Meine Freundin und ich wollten nach einem langen Sonntag mit einer anstrengenden Zugfahrt lediglich den Abend vor dem Fernseher verbringen, dazu ein leckeres Eis und Sebastian ist zufrieden. Wir haben uns also gerade bequem auf dem Bett eingerichtet, uns für einen Film entschieden und das Eis halbwegs gerecht aufgeteilt. Falls sich an dieser Stelle irgendjemand wundert, wieso wir nicht auf dem Sofa sitzen: die Couch erfüllt eine Dauerfunktion als Ablage für Alltagsgegenstände jeder Art. Ob Hosen, Socken, Laptops, Wasserflaschen oder auch gerne Leinwände und Bücher – für alles ist hier Platz. Nur nicht für das menschliche Hinterteil. Ich stelle fest: Über die hervorragenden Eigenschaften von Sofas, Sesseln und Trainingsgeräten als Ablagen kann man bestens und ohne große Mühe ganze Bibliotheksregale füllen. Schnell zurück zum eigentlichen Thema. Wir sitzen also bequem und wollen in den Film starten, da klopft es an der Tür. Hektisch, panisch. Schnell und laut. Ich bekomme einen ordentlichen Schrecken und ziehe die Decke bis ans Kinn. Mein Verstand arbeitet blitzschnell und auf Hochtouren: Eine Invasion mongolischer Steppenreiter können wir sicherlich ausschließen, die würde nie und nimmer in Osnabrück beginnen. Ich entspanne mich und fühle mich sicher, lasse aber dennoch meine Freundin die Tür öffnen. Ist ja ihre Wohnung und ich sitze gerade so gut.

Meine Freundin wird mit einem Schwall von Worten regelrecht übergossen. Entwarnung. Es ist nur Susi, eine gute Freundin aus der Heimat, die zufällig im gleichen Haus wohnt. Ich verstehe nicht viel. Bin aber überzeugt und gleichzeitig sehr verwirrt, dass die Frage „Hast du Ahnung von Strumpfhosen?“ an mich gerichtet zu sein scheint. Ich verneine, höre Schritte. Beide Frauen stehen im Zimmer und schauen mich an. „Hast du Ahnung von Stromkreisen?“ Ah. Muss ich doch wohl mal zum Hörtest. Mache eine gedankliche Notiz, schiebe sie aber erst einmal nach hinten. Werde ich eh vergessen und irgendjemand wird mich schon zu gegebener Zeit daran erinnern.  Wahrscheinlich meine Freundin. Unter den abwartenden Blicken kehre ich zurück ins Hier und Jetzt. „Jaa. Schon ein bisschen. Aber wa-?“ Was nun folgt ist so unfassbar, dass ich vorsorglich darauf hinweise: Kinder, macht das nicht zu Hause!

Susi zieht in den nächsten Wochen aus und verstaut gerade ihre Sieben-Sachen in Kartons. Die Stereoanlage ist schon sehr alt und soll den Umzug nicht mitmachen, im Müll ist aber noch genug Platz. Allerdings befindet sich der Stecker hinter der noch aufgebauten Wohnwand, ohne Vorrücken kommt man da nicht heran. Die bestmögliche Idee ist hier sicherlich zur nächstbesten Nagelschere zu greifen und damit Anlage und Kabel voneinander zu trennen – quasi wie eine Nabelschnur direkt nach der Geburt. Für diesen extremst widerlichen Vergleich klopfe ich mir selbst auf die Schulter. Halten wir einen Moment inne und überdenken die Situation. Das Kabel steckt in einer handelsüblichen und voll funktionstüchtigen Steckdose. Bereits meine Neffen und Nichten wissen, dass Steckdosen „Aua“ sind. Vor allem, wenn man da kleine metallene Nagelscheren reinschiebt. Was folgt ist schnell klar: Es gibt einen lauten Knall, es wird sehr kurz sehr hell und danach sehr lange sehr dunkel. Im nächsten Moment steht Susi an unserer Tür und bittet um Hilfe. Während wir sie hilfsbereit in ihre Wohnung begleiten, ruft Susi per Mobiltelefon ihren Freund Strolch an. Falls der Schaden nicht ohne Weiteres reparabel ist, muss halt der Mann her und retten, was zu retten ist. Ein kurzer Blick in den Sicherungskasten lässt die Sorgen jedoch schnell schwinden, es ist nur die Sicherung. Ich lege den Schalter um, es wird hell in der kleinen Wohnung. Die Lichter gehen wieder an und erlauben einen Blick auf gepackte Umzugskartons unter der Dachschräge. Das Gesamtbild wirkt sehr aufgeräumt und geordnet. Nur auf dem Fußboden kauert kläglich die Stereoanlage, daneben macht es sich eine stark verkohlte Nagelschere gemütlich. Am Telefon höre ich Strolch: „Das ist echt das Dümmste, was ich je gehört habe.“ Kommt hin. Allerdings war es damals auch keine gute Idee, George Clooney als nächtlichen Rächer „Batman“ ein paar „Bat-Nippel“ zu verpassen. So simpel funktioniert also diese natürliche Auslese. Ein Vorgang, der lange Zeit einfach nicht in meinen Kopf wollte. Falls mich irgendjemand fragt, Susi hat sich eine Nominierung oder zumindest eine Erwähnung für den diesjährigen „Darwin Award“ redlich verdient.

Die Situation ist unter Kontrolle; wir können in den Film starten, das Eis ist inzwischen trinkbar. Fällt eher in die Kategorie „Milch-Shake“ oder „kalte Sauce vom Vortag“. Oben ist alles ruhig. Die Anlage gibt nicht einen Mucks von sich – aber immerhin ist das Kabel durch.

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.