sebdenkt: Alltäglicher Wahnsinn

Anekdoten eines Freiberuflers

„Das Leben ist nicht fair.“ Dem Urheber dieser wirklich sehr kurzen und strikten Aussage ist es heute gelungen, mich aus dem alltäglichen Trott zu reißen.

Eigentlich wollte ich lediglich eine kleine Pause zwischen zwei Projekten nutzen und mir beim Bäcker meines Vertrauens eine Kleinigkeit zu beißen besorgen. Normalerweise geht das auch recht schnell: Ich schnüre die Schuhe, zippe die Jacke, Kopfhörer auf die Ohren und hinein ins Leben. Wenn meine Haare wieder einmal nicht zu bändigen sind und so aussehen, als hätten sie sich in der Nacht härter bekriegt als Tom und Jerry, dann kommt ab und an auch noch eine Mütze obendrauf. So als krönenden Abschluss.

Zu Fuß geht es zum nächstgelegenen Konditor. Nach minutenlangem Anstarren der Auslage entscheide ich mich meist eh für das gleiche – manchmal fühle ich mich allerdings sehr wagemutig und stürze mich ins Ungewisse. Trifft meine Auswahl auch noch meine Geschmacksnerven, dann fühle ich mich gerne mal wie in der Lotterie oder beim HalliGalli-Sieg. Lotto spiele ich allerdings nicht.

Ich stehe also wie gewohnt vor der gläsernen Vitrine und wäge die Vor- und Nachteile einer Brezel und einer Laugenstange gegeneinander ab. Das Personal kennt mich inzwischen recht gut und weiß um meine Gewohnheiten – ob sie wohl Wetten auf meine Wahl abschließen? Mit mir im Laden befinden sich neben den zwei Bäckereifachverkäuferinnen noch drei Maurer, die sehr intensiv den Inhalt der aktuellsten Ausgabe der BILD studieren. Sie reden nicht viel, aber ihre Augen bewegen sich auch nicht großartig. Scheint ein Bilderrätsel zu sein. Ich bin nicht sonderlich gut in solchen Sachen, „Finde acht Fehler“ und Sudoku stellen mich  vor schier unlösbare  Aufgaben. Kreuzworträtsel sind der Hit!

Zurück zum Thema: Zwei kleine Jungs im besten Rabaukenalter hingegen unterhalten sich sehr angeregt. Einer von beiden – ich nenne ihn Eduard, weil er so klein ist – lässt meinen einleitenden Satz von der Leine: „Das Leben ist nicht fair.“ Er irritiert mich, der Eduard. Scheinbar weiß der Bengel mehr über das Leben als ich. Dabei kann er höchstens zehn Jahre alt sein. Eduard trägt bunte Sportschuhe, ein „Teenage Mutant Ninja Turtles“-Shirt und keine Brille. Unauffällig, die Backwaren hinter der Glasscheibe noch immer fest im Blick, drehe ich die Musik leiser. Eduard spricht weiter. Sein Gesicht wirkt sehr konzentriert. „Das Leben ist nicht fair“ – wovon spricht der Kerl? Sein Kumpan schaut ernst drein und nickt. Ich lausche angestrengt, drehe die Musik noch weiter herunter. Sie ist fast nicht mehr zu hören, Eduard hingegen wird verständlicher. „Mama sagt ich muss vor dem Schlafengehen die Füße waschen. Wieso? Das ist nicht fair! Papa darf sogar mit Socken ins Bett.“ Grenzenlos erleichtert und gleichzeitig auch enttäuscht. Ich habe doch kein entscheidendes Geheimnis des Lebens verpasst.

Die Verkäuferin schaut mich inzwischen erwartungsvoll an, sie ist sichtlich gespannt. Ich atme tief durch und treffe eine Entscheidung. Draußen, vor der Bäckerei, drehe ich die Musik wieder lauter und laufe heimwärts. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und der Wind weht. Ich muss meine Mütze festhalten und quer gegen den Wind laufen. Aber ich bin froh.

Ich habe die Laugenstange genommen.

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.