Technik, die begeistert

Innovation oder Tradition?

Ich habe mir einen eBook-Reader gekauft. Obwohl ich in der Vergangenheit wieder und wieder betont habe, wie seltsam die Vorstellung doch ist. Wenn es um Bücher geht, dann bin ich grundsätzlich der analoge Typ. Sogar mein Kalender wird noch per Hand und Stift bedient – die entsprechenden Funktionen auf dem Smartphone, dem Tablet oder dem großen Rechner im Büro nutze ich selten bis gar nicht.

Für mich muss ein Buch auch wirklich ein Buch sein: Aus Papier und Tinte. Das Gefühl, ein neues Buch zum ersten Mal zu öffnen, diesen Duft nach Papier, Tinte und Lagerraum einzuatmen – das ist der Wahnsinn. Außerdem kommen gelesene Bücher ins Regal. So erfüllen sie noch immer einen Zweck: Sie dekorieren den Raum und sorgen für eine angenehme Stimmung. Je nach Lust und Laune lese ich die meisten Bücher auch acht bis achtzehn Mal. Mein Traum war schon immer, irgendwann eine eigene kleine Bibliothek zu besitzen. Regale bis zur Decke, allesamt voll mit gebundenen Geschichten.

Nun besitze ich jedenfalls so einen kleinen und handlichen eBook-Reader, Tolino nennt er sich. Bereits nach einer Woche merke ich: Ich kann all meine Bücher zu jeder Zeit mit mir an jeden beliebigen Ort schleppen. Geil! Technik, die begeistert. Jetzt ergibt sich jedoch ein kleines Problem: Zum Lesen im Haus brauche ich trotzdem noch jedes Buch – also alles doppelt anschaffen. Ungeil! Kosten, die nicht begeistern.

Was hat mich von meiner eigentlich so festen Meinung abgebracht? Wieso habe ich mich doch für die Technik und gegen das althergebrachte, traditionelle und ehrwürdige Buch entschieden? Um ehrlich zu sein, die ganze Kiste hat sich einfach so ergeben. Vor wenigen Wochen bin ich für einige Tage verreist. Verlasse ich für mehr als acht Stunden das Haus, dann stecke ich automatisch ein Buch ein. Meist das Buch, welches beim Packen gerade am nächsten liegt. Meine momentane Lektüre ist wieder einmal die „Herr der Ringe“-Reihe von Tolkien. Ganz praktisch sind die sieben Bücher im handlich angepriesenen Schieber jedoch nicht. Im Rucksack nehmen sie dann doch eine ganze Menge Platz weg. Außerdem drückt immer wenigstens eine Ecke der Box unangenehm in den Rücken. Während ich mich unter größter Anstrengung damit abmühe, das Paket im Rucksack zu verstauen, steht mein Vater in aller Seelenruhe daneben. Er schaut mir eine Weile bei meinen Bemühungen zu und verlässt den Raum. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass mein Rucksack kleiner geworden ist. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Letzte Woche passten da doch noch mein Laptop, meine Kamera mit Objektiv und ein halbes Fahrrad rein. Ich versuche es aus einem anderen Winkel – irgendwie muss das doch passen!

Mein Vater kommt zurück ins Zimmer, auch er muss langsam anfangen zu packen. In seiner einen Hand hält er einen winzig kleinen Rucksack. Sieht eher aus wie eine Kulturtasche oder eine Socke. Er will mich ärgern. In seiner anderen Hand hat er ein kleines Büchlein. Schmaler als jedes Taschenbuch: Sein eBook-Reader. Er will mich ganz sicher ärgern. Mit nur einem Handgriff öffnet er den Rucksack, verstaut den Reader und schließt die Tasche. Fertig. Technik, die begeistert. Mein Ranzen platzt inzwischen aus allen Nähten, die Bücher habe ich noch lange nicht verstaut. Ich ärgere mich.

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.