Unterwegs mit der Bahn – Immer keine Reise wert

Subkulturen im öffentlichen Nahverkehr

Am letzten Wochenende war ich wieder einmal unterwegs. Mit der Bahn. In der Vorweihnachtszeit. Theoretisch könnte ich die Kolumne an dieser Stelle abschließen und damit irgendeinen hochdotierten Preis für Autoren und andere Schreiberlinge absahnen. Da ich aber aus Prinzip keine Preise gewinne, muss ich leider etwas weiter ausholen. Und keine Sorge: Das hier wird nicht noch eine Weihnachtskolumne.

Kein Bahnhof in Nordhorn

Ich war also unterwegs. Für einen Tag aus dem schönen Nordhorn ins (natürlich auch schöne) Bremen. Von der Idee ganz leicht, aber wir Nordhorner haben ja aktuell noch immer ein altbekanntes Problem: Wir verfügen über keinen funktionierenden Bahnanschluss. Bahnhof, Gleise und die dazugehörige Peripherie sind inzwischen vorhanden, so richtig mit dran an der Bahn sind wir damit aber noch lange nicht. Ich fahre also mit dem Auto nach Bad Bentheim, stelle meinen Wagen am Gymnasium ab. Die Stadt erhebt ja seit dem Frühjahr 2014 Parkgebühren im Bahnhofsbereich – das gebe ich mir sicherlich nicht. Mit dem Zug geht es weiter von Bad Bentheim nach Osnabrück, mit Umstieg dann zum Ziel: Bremen.

Fußball und Vorweihnachtszeit

Hier setzt meine kleine Geschichte nun auch endlich ein. Ich war an einem Samstag auf der Strecke. Samstags in Deutschland: Zur Prime-Time der Fußballzeit. In Osnabrück spielten an diesem Tag die  Lila-Weißen in der wunderschönen Osnatel-Arena, direkt an der Bremer Brücke. Während meines Studiums und meiner Zeit als freier Redakteur waren die Spiele der Osnabrücker immer ein großes Highlight des Wochenendes. Allerdings ist die ganze Sache nicht so witzig in der Vorweihnachtszeit, wenn man als einziger Nichttrinker zwischen Fußballfans, Kegelclubs und jungen Familien in einem vollends überlasteten Zug sitzt – alle haben ein festes Ziel: Arena, Weihnachtsmarkt, Kneipe. Mein Ziel: Das nächste Gleis, irgendwie den nächsten Zug erwischen und endlich nach Bremen kommen.

Fan-Klischees im Zug

Der Teil von mir, der zum Soziologie-Studium gezwungen wurde, der freut sich auf der Fahrt wie bolle: Noch näher kann man ja kaum das Verhalten von trinkenden Gruppen untersuchen. Osnabrück hat im Grunde eine buntgemischte Fan-Kultur – sehr nette Szene, sehr witzige Leute. Aber die trifft man selten im Zug. Im Zug saßen an diesem Tag nur die gerade noch so volljährigen und selbsternannten „Ultras“. Diese Gruppierungen sind meist relativ ähnlich aufgebaut: Es gibt den vorlauten, kräftigen Anheizer, das Alpha-Männchen der Gruppe; den bewundernden Mitläufer, manchmal auch zwei von der Sorte; den Trottel, der jede verrückte Aktion mitmacht, nur um die Aufmerksamkeit seiner Kumpane zu bekommen und letztendlich, egal wie unpassend und unsinnig es auch erscheint, den lieben „Streber“, Omas Liebling. Er überlässt dem herzkranken Mitfahrer seinen Platz, wirft seinen Müll in die ohnehin schon vollen Mülleimer, spricht mit einer normalen Lautstärke und entschuldigt sich für das Verhalten seines Rudels. Eigentlich passt er so gar nicht in die ganze Konstellation, aber wenn er nicht da ist, dann fehlt irgendwas. Besonders spannend wird es, wenn zwei oder mehrere dieser Banden aufeinanderstoßen. Die Gleise biegen sich bei der Lautstärke, der Zug kommt während der Fahrt ins Schwanken und im Umkreis von sieben Kilometern flüchtet jedem Jäger das Wild vor der Flinte – Bierflaschen und –Dosen fliegen durch die Luft, der Streber verliert seine Brille und die Trottel halten ihre Köpfe wahlweise aus dem Fenster oder ins Klo. Dreimal dürfen Sie raten, wo ich saß.

Ach, verdammt…

Aber glücklicherweise dauert die Fahrt von Bad Bentheim bis Osnabrück nicht sonderlich lang – nach einer guten Dreiviertelstunde war es auch schon erledigt. Unsere Wege trennen sich: Die gesamte Bagage zieht gröhlend, furzend und müllhinterlassend in Richtung Stadion. Ich gehe zum nächsten Gleis, steige in den Zug und realisiere: Heimspiel in Bremen.

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.