Videospiele sind doch mittlerweile gesellschaftsfähig

Ein Hobby, das die Zeit wert ist

Irgendwo in einer entfernten Galaxy, gut vierhundert Jahre in der Zukunft. Einer Zukunft, in der die Menschheit die Weiten des Weltalls erkundet. Und sie sind nicht allein. Der Master Chief lugt vorsichtig um eine Ecke. Eine Patrouille der Allianz steht beisammen, sie sind nicht sonderlich wachsam, fühlen sich sicher. Kein Problem für den Chief – er legt sein Sturmgewehr an, zielt und drückt ab. Nach einer kurzen Abfolge von schnellen Schüssen herrscht heillose Verwirrung auf der anderen Seite des engen Ganges. Zur Sicherheit wirft er noch eine Plasma-Granate hinterher. Es folgt eine Explosion, ein lauter Knall. Alles ist still… Dienstagabend, die Uhr steht auf etwa 21 Uhr. Auf meinem Sofa vor dem Fernseher nehme ich eine Hand vom Controller, schiebe meine Brille wieder an ihren Platz und kratze mich am Kopf. Wieder eine Aufgabe erledigt.

Videospiele haben keinen guten Ruf

Jeder Mensch hat so seine Hobbys. Der eine geht gerne auf den Bolzplatz, einer schraubt an seinem Auto herum, wieder ein anderer sortiert Gummibärchen und M&Ms nach Farben – bei mir sind es die Videospiele. Meine Generation hat in dieser Richtung beinah alles miterlebt und mitgemacht: Die ersten Computer, Konsolen und Handhelds. Wir sind damit aufgewachsen und es ist inzwischen vollkommen normal. Denkt man. Allerdings haben Videospiele in der Grafschaft und dem Emsland noch immer einen recht miserablen Ruf. Während draußen in der Welt die Menschen wie selbstverständlich ihr Geld mit dem Spielen von Shootern, MMORPGs und dem fleißigen Erstellen von „Let’s Plays“ verdienen, sind wir in dieser Hinsicht noch extrem rückständig. Hier kennt die Mehrzahl der Leute nur „Killerspiele“. Zeitverschwendung, Unsinn und außerdem sind alle Gamer dick, picklig und ungebildet.

Photo by Maxime Rossignol on Unsplash
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Großer Sport, große Preisgelder

Ich würde mich jetzt nicht als dick beschreiben, ungebildet bin ich auch nicht wirklich. Immerhin habe ich Goethe und Kant gelesen und im Studium musste ich auch das ein oder andere Buch in die Hand nehmen. Letzter Punkt: Pickel. Gut, ab und zu lässt sich eine Pustel im Gesicht nicht vermeiden – aber was soll’s? Videospiele sind meiner Meinung nach inzwischen längst gesellschafts- und salonfähig. Im eSports-Bereich hat sich in den letzten Jahren unglaublich viel getan und eindeutig zum Positiven entwickelt. Letztes Jahr gewann der Sieger des Dota2-Meisterschaftsturnier ein unfassbares Preisgeld von 1.005.661$. Im Staples-Center von Los Angeles kamen 2013 zur LoL-Championship 11.000 Zuschauer, das Jahr darauf sahen 40.000 eSports-Begeisterte die Finals live in Seoul. Unfassbar, oder? Videospiele aller Plattformen begegnen unserer Generation überall.

Es lebe die Vielfalt!

Seit meiner frühesten Kindheit war ich eigentlich durchgehend mit Videospielen auf den verschiedensten Plattformen in Berührung. Sie gehören inzwischen zu meinem Alltag. Angefangen hat es damals mit den alten Nintendo-Konsolen, danach kamen beinahe zeitgleich eine Playstation 1 und ein Game Boy Pocket ins Haus. Irgendwann zog es mich dann aber doch eher in Richtung Computer – Tastatur und Maus bediente ich täglich. Für die Spiele der „Age of Empires“-Reihe bin ich am Wochenende um sechs oder sieben Uhr morgens aufgestanden. Dann blieb den Rest des Tages nämlich genug Zeit um draußen herum zu rennen. Ich liebe die Vielfalt der Spiele, die besondere Community in Online-Spielen wie „World of Warcraft“ oder den gleichzeitigen Stressab- und Adrenalinaufbau bei einer gemütlichen und ehrlichen Runde „Counter-Strike“.

All die Möglichkeiten…

In all diesen Jahren habe ich viele neue Menschen aus der ganzen Welt kennen gelernt: Ich habe mit Gamern aus England in „World of Warcraft“ uralte Götter besiegt, gemeinsam mit einem bunten Mix aus Nordamerikanern und Australiern Geiseln befreit und Bomben entschärft und meine Basis von unzähligen Koreanern mit flinken Händen in „Warcraft 3“ und „Starcraft“ zerlegen lassen. Um Zeit zu sparen habe ich in seltsamen Abkürzungen mit meinen Teamkollegen kommuniziert und brav nach jeder Partie „GG“ getippt. Für komplizierte Endgegner habe ich seitenlange Lösungshilfen gelesen und selbst Tutorials verfasst.

Photo by John Sting on Unsplash
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Ich bereue nichts.

Ich habe keine Sekunde davon bereut. Bis auf das eine Mal, als ich am Rechner eingeschlafen bin und meinem Professor in „Politische Theorie“ im Tiefschlaf versehentlich eine eMail mit lauter Kauderwelsch à la „adghfscnskvngnlkfnkvlknscn32irj394tg“geschrieben habe. Das war in dem Moment schon recht peinlich, im Nachhinein allerdings eine gute Geschichte auf der nächsten Party. Den Abdruck der Tastatur auf meinem Gesicht als ich dann schließlich vor dem Spiegel stand, habe ich heute noch ziemlich gut vor Augen.

Weg vom PC, hin zur Konsole

Inzwischen merke ich, dass es mich immer öfter von Computer und Schreibtisch weg zieht, in Richtung Konsole und Fernseher. Auf dem Sofa spielt es sich momentan einfach schöner. Außerdem ist der Fernseher so schön groß. Wo wir wieder beim ersten Absatz sind: Der Master Chief entstammt dem „Halo“-Universum, meiner Meinung nach einer der besten Spielereihen. Mit einer guten Portion Glück, seiner digitalen KI-Begleiterin Cortana und einer Menge Feuerkraft ballert er sich seinen Weg durch Horden von Aliens und anderem buntgemustertem Ekelgetier und rettet ein ums andere Mal die Welt – große Klasse!

Videospiele sind eine Kunstform

Spiele auf dem Computer, der Konsole oder mobilen Endgeräten sind heutzutage meiner Meinung nach definitiv eine ernstzunehmende Kunstform. Komplexe Grafiken und aufwändige Designs, interessante und ansprechende Spielmechaniken, ein passendes Storytelling und eine ordentliche Lokalisierung und dazu muss auch noch ein entsprechend breit gefächertes Universum erschaffen werden.

Natürlich sind Videospiele nicht mein einziges Hobby. Aber seit meiner Kindheit ziehen sie mich in den Bann. Wunderschöne Bilder und Effekte, packende Hintergrundstorys in faszinierenden Welten und sau-coole Charaktere in krassen Rüstungen – was will man mehr?

Ich setze das Headset wieder auf, lade mein Sturmgewehr nach und kontrolliere die Rüstungsanzeige sowie Lebenspunkte. Alles bereit und komplett? Ich betrete eine neue, virtuelle Welt und begegne neuen Herausforderungen.

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.