Wartezimmer machen mich nervös

Einmal aus Expertensicht…

Jede Arztpraxis braucht eines, jede Arztpraxis hat eines. Sie sind immer relativ ähnlich eingerichtet, immer befinden sich ziemlich die gleichen Personen darin. Ich mag sie nicht. Wartezimmer machen mich nervös.

Ich bin selbsternannter Experte in Sachen Arztbesuche und Wartezimmer. Als Kind war ich oft krank. Mehrmals im Jahr, immer passend zu den Ferien. Immer das gleiche Krankheitsbild, trotzdem keine Diagnose möglich. Ratlos wurde ich vom gerade noch behandelnden Arzt an den nächsten Mediziner verwiesen, immer ein Spezialist und angesehener Experte seines Fachs. Ich kenne inzwischen viele ratlose Spezialisten und angesehene Experten.

Immun gegen alles

Inzwischen bin ich auch ohne ärztliche Hilfe fit, zum Arzt muss ich nicht mehr so häufig. Haben die ganzen Antibiotika doch eine positive Seite nach sich gezogen: Scheinbar bin ich jetzt immun gegen alles – da kann die Pest an die Tür klopfen und ich sage einfach „Nö“. Da geht sie weiter zum Nachbarn und den erwischt es dafür gleich doppelt so doll – sorry, Holger. Nicht meine Schuld.

Jetzt bin ich freiberuflich unterwegs, kann mir meine Termine legen, wie es mir gefällt. Zumindest meistens kann ich das. Meine Familie findet das auch ganz praktisch: Ich darf nun überall einspringen, wenn Not am Mann ist. Und zur Zeit der Grippewelle, ganz hoch im Kurs: Arztbesuche. Für meine lieben Eltern, Großeltern und Geschwister darf ich frühmorgens zum Hausarzt fahren, Atteste und Scheine abholen, Rezepte besorgen und einlösen. Ab und zu auch mal als Krankentransport herhalten.

Gar kein Morgenmensch

Ich muss ehrlich sagen: Ich bin gar kein Morgenmensch. Morgens will ich meine Ruhe haben. Da muss ich eines ganz sicher nicht: In einem Wartezimmer sitzen. Wartezimmer machen mich nervös. Und wie bereits erwähnt: Wartezimmer sind immer gleich.

Immer gibt es den einen Typen, der nicht grüßt. Es gibt die zwei Tanten, die sich zwar gestern erst noch gesehen haben, sich aber aufführen, als wären sie bei der Geburt getrennte Zwillinge. Es gibt die beiden älteren Herren, die sich wirklich seit ihrer gemeinsamen Zeit im Kriegsgefangenenlager in Russland nicht mehr gesehen haben und unheimlich komische Geschichten erzählen. Eine junge Mutter mit mindestens einem Kind, völlig überfordert und hundemüde. Mittendrin kommt ein dicker Kerl rein, der drei Plätze einnimmt und atmet, als hätte er gerade den Mount Everest bestiegen. Obwohl die Arztpraxis ebenerdig gelegen ist. In der letzten Ecke sitzt der letzte Kerl mit Mütze, der unablässig schnieft. Eine Oma am Rande, bei der man sich nicht sicher ist, ob sie überhaupt noch lebt – ob ihr Enkel sie vielleicht letzte Woche hier vergessen hat? Vielleicht wohnt sie dann jetzt hier. Draußen vor der Praxis sitzt außerdem ein Hund, angeleint an die Fahrradständer und wartet brav. Und mittendrin? Ich. Na toll.

Ein Einrichter für Wartezimmer

Aber nicht nur die in Wartezimmern anzutreffende Klientel ist grundlegend gleich – scheinbar gibt es in der Bundesrepublik nur einen Einrichter für Wartezimmer. Das bedeutet: Irgendwo in Deutschland verdient sich ein Kerl eine goldene Nase mit der Einrichtung von Arztpraxen. Er hat keinen Geschmack für Stil, kein Gefühl für Praxis und muss irgendwann in seinem Leben einmal ganz fürchterlich auf den Kopf gefallen sein. Mindestens einmal. Und wieso gibt es eigentlich keine aktuellen Zeitschriften?

Beton statt Holz

Aber was beklage ich mich eigentlich. Alles besser, als diese Woche im emsländischen Papenburg: Da wollte eine 83 Jahre alte Dame einen Verwandten beim Arzt absetzen. Das mit „zum Arzt fahren“ hat die arme Lady dann aber zu wörtlich genommen – mit ihrem Auto fuhr sie direkt durch die Glasfront ins Wartezimmer der Praxis. Die geschätzten 20.000 Euro Sachschaden mal beiseite: Eine 45-jährige Patienten wurde dabei lebensgefährlich verletzt, ein Mädchen nur leicht. Hätte der Arztpraxeninneneinrichter besser auf massive Betonbänke statt knarrige Holzstühle gesetzt.

Eine gute Besserung an die Patientinnen!

 

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.