Wie Risiko erfolgreich Freundschaften zerstört

Kein Mensch gönnt mir Europa!

Risiko – die Mutter aller Brettspiele und definitiv kein Spiel für schwache Nerven. Erstmals 1957 im Hause „Miro Company“ in Frankreich erschienen, seitdem unzählige Male neu aufgelegt und verändert – jetzt wird der Dauerbrenner von Hasbro weltweit vertrieben. Ein Klassiker unter den Strategiespielen, in zahlreiche Sprachen übersetzt und in den meisten Ländern auf dieser Erde verehrt oder gefürchtet. Ableger in den „Halo“- oder „Tolkien“-Universen machen die Runde, auch „Starcraft“ und „The Walking Dead“ sind inzwischen in der Risiko-Variante spielbar. Im alten „Rom“ kann man ein Imperium aufbauen, mit den mächtigen „Transformers“ gegen die bösen Decepticon antreten. Und wem das noch nicht reicht: Die „Star Wars“-Version ist noch verrückter. Nicht umsonst ist das Spiel im Jahr 1980 mit dem „Goldenen Pöppel“ ausgezeichnet worden. Allerdings nur auf Platz 2. Für die erste Platzierung in der Tabelle hat es nicht gereicht: Das Treppchen im Jahr 1980 hat das Spiel „Hase und Igel“ von David Parlett erobert.

Was ist Risiko?

Bleiben wir bei Risiko: Ein relativ simples Regelwerk lässt zwei bis sechs Feldherren am runden Tisch gegeneinander antreten. Die Spielzeit wird optimistisch nicht mit „bis zu“ sondern mit „ab 90 Minuten“ angegeben. Zehn Jahre sollten die Teilnehmer mindestens bereits erlebt haben, ansonsten wir das einfach gestrickte Regelwerk dann doch zu kompliziert. Erfinder ist der Franzose Albert Lamorisse. Immerhin eine gute Sache, die wir den Franzmännern zu verdanken haben.

42 Länder, 6 Kontinente

Um einen vernünftigen Überblick zu ermöglichen, wurden die Länder dieser Welt zu 42 Gebieten zusammengefasst. Auf den bekannten sechs Kontinenten gibt es dann beispielsweise Südeuropa, Kamtschatka oder Großbritannien. Sind erst einmal mehr und mehr Armeen im Spiel, dann verliert man in diesem Chaos nur allzu schnell seinen jeweiligen individuellen Auftrag aus den Augen. Inzwischen gibt es sogar schon Risiko-Turniere. Bei den Deutschen Meisterschaften konkurrieren die Teilnehmer um ein Preisgeld  von immerhin 1.000 Euro. Dafür muss man sich allerdings erst einmal auf einem regionalen Vorturnier qualifizieren.

In Deutschland auf dem Index

Wer hätte gewusst, dass das Spiel 1982 in Deutschland aufgrund der militärischen Ausdrucksweise in der Spielbeschreibung beinahe auf dem Index gelandet wäre? Das ganze Gerümpel ging sogar vor Gericht. Als Folge musste die Beschreibung und die Anleitung entsprechend  geändert werden: „Erobern“ wird zu „befreien“ und „vernichten“ zu „auflösen“. Außerdem wird nicht mehr einfach nur angegriffen oder verteidigt, man führt „diplomatische Verhandlungen“ – was für ein ausgemachter Mumpitz. Wäre Albert Lamorisse nicht schon längst tot, er würde wohl gleich auswandern.

Klingt ja seltsam – warum macht das Spiel überhaupt Spaß?

Eines kann Risiko aber ganz besonders: Freundschaften zerstören. Spielen wir im Freundeskreis, dann steigert man sich schnell rein: Es bilden sich Allianzen, die Fronten verhärten sich. Mein Traum ist es immer, Europa für einige Runden zu halten und zu meiner Basis auszubauen. Von dort aus kann man in Verbindung mit dem 5-Armeen-Bonus wunderbar in alle Richtungen operieren und seinem Ziel so Stück für Stück näher kommen. Aber kein Mensch gönnt mir Europa! Grundsätzlich attackiert mich einer meiner sogenannten Freunde über Grönland in Island oder versucht durch die afrikanische Wüste meine Herrschaft in Südeuropa zu stürzen. Dadurch schlagen auf regelmäßig meine Aufträge fehl. Eventuell sollte ich meine Taktik einmal überdenken.

Patt-Situationen sind für den Hintern

Ich kann mich noch gut an einen besonders denkwürdigen Abend erinnern. Seit Stunden werden Armeen über Länder geschoben, die Würfel entscheiden über Leben und Tod von ganzen Heerscharen. Es wird zunehmend hitzig, jedoch gelingt niemandem in der versammelten Runde der endgültige Todesstoß – es herrscht eine Patt-Situation.

Opa ist klug

So richtig Spaß macht es mittlerweile wahrscheinlich niemandem mehr, aber schon Opa hat mir beigebracht: Wer aufgibt, der bekommt kein Kotelett. Kapitulation ist also keine Option – bis zum Blut wird gekämpft. Ich versuche es mit einem Bauerntrick. Meine Truppen bekommen ihren Marschbefehl, sie ziehen sich zurück und sammeln sich in scheinbar willkürlich ausgewählten Gebieten neu. In den verlassenen Ländern bleibt nur eine Notbesatzung zurück.

Ich bin’s!

Ich mache es kurz: Mein Widerpart fällt auf die Masche herein, stürzt meinen Armeen euphorisch hinterher. Und läuft somit ins offene Messer, die Falle schnappt zu. Meine vorher verstärkten Gebiete nehmen seine vorrückenden Einheiten erbarmungslos in die Zange – „Alea iacta est“, brülle ich in meinem besten Asterix-Latein. Die Würfel sind gefallen, das sagte schon Julius Caesar. Der Sieg ist mein!

Mein Kumpel und ich haben danach zwei Wochen lang kein Wort miteinander gesprochen.

Das war‘s wert.

Sebastian Lindschulte

Sebastian Lindschulte führt diesen Blog - alle Beiträge stammen aus seiner Feder. Oder Tastatur.